Eine Dystopie zum Globus Hypermarkt

Es ist ein sonniger Freitag morgen und mich erwartet ein Meeting am Dresdner Stadtrand. Ich verlasse meine Wohnung in der Neustadt in der Nähe vom ehemaligen Feuchten Eck. Diese Ecke war auch als Verrecker-Ecke bekannt, ein Name der nun besser zutrifft. Das dort anliegende Musikhaus Meinel mit den bequemen Fensterbänken musste einer Kreuzungserweiterung weichen, da die Straße als Entlastung für die immer verstopfte Antonstraße vor dem Neustädter Bahnhof und die immer häufiger verstopfte Königsbrücker Straße herhalten muss.

Da es keine Parkplätze an der Straße mehr gibt und die Straßenbahn inzwischen um die Neustadt einen großen Bogen macht, laufe ich zum Parkhaus am Albertplatz. Es ist eines von sieben Parkhäusern um den Globus Hypermarkt und steht dort, nachdem Edeka an der Stelle trotz städtischer Hilfe die Sanierungskosten für das alte DVB-Gebäude über den Kopf gewachsen sind. Ich laufe vorbei an einer handvoll Schnellimbissen und Friseurläden, viele noch sehr jung und meist binnen kurzer Zeit wieder geschlossen. Über die Hälfte der Läden steht leer, einzig die Kneipen halten sich noch wacker.

Nachdem ich die vierspurige Königsbrücker überquert habe – die nun dank Globus die prognostizierten Zahlen der Stadt von 25.000 Autos pro Tag überschreitet – betrete ich das Betonparkhaus und setze mich ins Auto. Ich muss hinaus zum Schloss Übigau, wir verhandeln die Umnutzung als Atelier- und Künstlerhaus. Also fahre ich entweder über die Königsbrücker und an der Schauburg links in die Fritz-Reuter-Straße, was spätestens ab der Bürgerstraße in Pieschen zum Problem wird: Durch den minimierten Straßenbahnverkehr sind zur morgendlichen Hauptverkehrszeit selbst die Nebenstraßen überlastet. Oder ich nutze die Leipziger Straße und fahre vorbei am Neustädter Bahnhof – ein Unterfangen, dass mich als ungeduldigen Autofahrer auf eine Zerreißprobe stellt. Ich bewege mich stattdessen über die Königsbrücker Richtung Industriegebiet, biege links in die Stauffenbergallee und nutze die Autobahn. Das ist zwar ein Umweg, die vielen vierspurigen Straßen erlauben aber ein flüssiges Vorankommen.

Zwei Abfahrten später verlasse ich am Elbepark die Autobahn wieder. Das einstmals vor allem aus dem Umland frequentierte Einkaufszentrum steht nun fast leer. Kaufland, Möbel Höffner und Ikea stehen noch, eine Bowlingbahn hält sich hartnäckig. Der Musikpark nutzt hier billig große Flächen als „Party auf mehreren Floors“. Die Parkplätze verwildern zusehends, viele Werbetafeln sind fleckig und zerfleddert. Die einzigen Farbtupfen bilden die Graffiti an den Wänden. Seitdem der Elbepark kein vollständiges Angebot mehr hat, fahren auch die Konsumenten aus dem Umland bis zum Hypermarkt.

Gegen Mittag verlasse ich Übigau wieder und wage die quälende Fahrt über die Leipziger Straße. Bis zum Ballhaus Watzke komme ich gut über die Flutrinne durch, auf der Leipziger wird es schwierig. Zwar fährt auch hier die Straßenbahn nur noch nach 20 Uhr bis früh um sechs um danach den vierspurigen Autoverkehr zu ermöglichen, mehr als Stop&Go ist dennoch nicht zu machen. Am ehemaligen Freiraum Elbtal biege ich vor dem Alten Schlachthof in die Erfurt Straße ein. Das bedeutet zwar einen Umweg, aber die weitere Strecke bis zum Bahnhof Neustadt spare ich mir. Da die Retentionsfläche südlich der Leipziger vom Neustädter Hafen bis zu den Schrebergärten beim Eselsnest unter dem politischen Druck von Globus der USD Hafencity und Dresden Baus Marina Garden weichen mussten, ist hier eigentlich kein vorankommen möglich. Meißen strengt zu Zeit eine Klage wegen Versiegelung von Flutungsflächen gegen Dresden an, da die Meißner nach dem letzten Hochwasser vor einigen Monaten ihr Elbbrücke wegen Einsturzgefahr durch Flutschäden nicht mehr nutzen können.

Wieder zu Hause fällt mir auf, dass der Kühlschrank leer ist. Ich erinnere mich noch an Zeiten, an denen das kein Problem gewesen wäre. Da gab es Gemüsehändler und Spätshops, kleine Bioimbisse, Cafés und Restaurants. Das alles hielt sich auch trotz Globus sehr lange, gerade weil die Anwohner Globus mieden. Kurz bevor der Hypermarkt Konkurs anmelden musste, zog die Stadtverwaltung die Notbremse und weitete das Straßenverkaufsverbot von Alkohol auf die gesamte Woche und das gesamte Gebiet der Neustadt, dem Hecht, und Pieschen aus. Zusätzlich gab es eine Sondergenehmigung für Globus bis Mitternacht zu öffnen und zweimal im Monat einen verkaufsoffenen Sonntag zu haben. Zuerst verschwanden die Spätshops, dann nach und nach die Gemüsehändler. Damit wurde es egal, ob die Touristen das Szeneviertel aufsuchten oder die sterilen Imbissangebote am Hypermarkt nutzten. So verschwanden ebenfalls nach und nach die Bars und Restaurants, die kleinen Klamotten- und Schmuckläden, die Ateliers und Bücherläden. Selbst Handelsketten wie Konsum haben sich aus dem nordelbischen Bereich so gut wie zurückgezogen.

Ich schließe resigniert die Kühlschranktür und greife zum Telefonhörer. Das einzige Gewerbe, dass von Globus profitiert, sind die Lieferdienste. Immerhin.

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